19. April 2012, 20:36 Uhr
Die Jagd ist eröffnet
Kritik an König Juan Carlos
Von Gemma Casadevall
König Juan Carlos geht auf Elefanten-Pirsch, sein Schwiegersohn ist wegen Korruption angeklagt, sein Enkel verletzt sich mit einem Gewehr: Das spanische Könighaus sorgt für Negativschlagzeilen - die Medien des krisengeschüttelten Landes haben plötzlich ihre Beißhemmung überwunden.
Dies ist der Moment, auf den einige Spanier seit langem gewartet haben. Es ist das beste Szenario für die Republikaner, das schlimmste für die Monarchisten. Seine Majestät Don Juan Carlos wurde bei der Elefantenjagd in Botswana erwischt. Dieser Skandal folgt auf zwei weitere im Umfeld des Monarchen: Sein Schwiegersohn Iñaki Urdangarín ist wegen Korruption angeklagt. Und der 13-jährige Enkel des Königs hat sich in den Fuß geschossen, als er mit der Waffe seines Vaters Jaime de Marichalar auf dessen Landgut hantierte.
In einem Spanien, in dem jeder vierte Bürger und sogar jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist, ist ein Foto, auf dem das Staatsoberhaupt des Landes mit einer Waffe in der Hand vor einem toten Elefanten posiert, keine Kleinigkeit. Das Bild, das im Zusammenhang mit der aktuellen Elefantenjagd veröffentlicht wurde, stammt aus dem Jahr 2005. Das heißt, Juan Carlos ist jetzt zum wiederholten Mal dort. Der Ehrenpräsident des WWF in Spanien hat Spaß am Töten von Tieren, sagen viele normale Bürger, die weder Royalisten noch Republikaner sind, aber die Leidenschaft für die Jagd nicht nachvollziehen können.
Die Jagd auf den König ist eröffnet. Die spanischen Medien haben ihre seit Jahrzehnten bestehende Beißhemmung gegenüber der Monarchie abgelegt. Die vielzitierte "enorme Popularität" des Souveräns, der von seinen Untertanen geliebt und geachtet wird, ist bis heute eine Art Staatsparole. Dieser Slogan hat erreicht, was nur wenigen Waren mit dem Siegel "Made in Spain" jemals gelungen ist: Er wurde erfolgreich ins Ausland exportiert. Und sogar in dem Maße, dass die gesamte Welt - inklusive Deutschland - die Parole vom populären Monarchen kritiklos übernommen hat.
Doch nun ist die Jagd auf den Unantastbaren eröffnet, daran ändert auch die Entschuldigung des Monarchen nichts. Der hatte sich vor TV-Kameras geäußert - auf Krücken, beim Verlassen der Klinik, wo er wegen eines Hüftbruchs, den er sich in Botswana zugezogen hatte, behandelt wurde: "Lo siento mucho, me he equivocado y no volverá a ocurrir." Zu deutsch: "Es tut mir sehr leid, ich habe einen Fehler gemacht, und es wird nicht wieder vorkommen."
Sogar Hofchronisten verbreiten schon Geheimnisse
Eine historische Erklärung, interpretieren einige. Nicht ausreichend, sagen andere. Der König habe nicht klargestellt, was genau er künftig nicht mehr zu tun gedenke. Elefanten jagen? Spanien verlassen, während Regierungspräsident Mariano Rajoy und seine Minister gegen den Druck der Märkte ankämpfen? Oder wird er sich ganz einfach keine weitere Reise mit einer Adeligen gönnen, die der monarchietreue Journalist José Antonio Zarzalejos, der ehemalige Chef der Tageszeitung "ABC", als Mätresse des Königs identifiziert haben will. Die Dame bestreitet die Affäre jedoch und hat eine Anwaltskanzlei eingeschaltet.
Wie wird sich die Situation in Spanien entwickeln, wenn nun schon die anerkannten Hofchronisten die Geheimnisse des Palastes - zwar laute und auffällige Geheimnisse, aber eben doch Geheimnisse - verbreiten? Das fragen sich viele Vollblut-Republikaner.
Spanien kam durch zwei Referenden 1976 und 1978 von Francos Diktatur zur parlamentarischen Monarchie. Dabei entschied das souveräne Volk nicht explizit über die Frage der Monarchie, sondern stimmte einem kompletten Verfassungspaket zu. Entweder konnte die Verfassung in Gänze akzeptiert oder abgelehnt werden. Und die Spanier haben sie angenommen. Seitdem ist Spanien geteilt, in die Menschen, denen die Zustimmung zu dem Paket als Legitimation für die Monarchie ausreicht, und in diejenigen, die ein neues Referendum fordern.
Spanier zeigen schon länger Anzeichen von Unmut
Tatsächlich begann die Festung der Monarchie aber schon zu bröckeln, bevor sich Juan Carlos in Botswana seine Hüfte brach und das kompromittierende Foto von 2005 in Umlauf kam. Die Spanier zeigten erste Anzeichen von Unmut, als der bis dahin als Vorzeigeschwiegersohn geltende Urdangarín unter Korruptionsverdacht geriet. Der ehemalige Handballstar - blond, groß, modern - lebt mit der Infantin Cristina, der jüngeren Tochter des Monarchen, den Prototyp der idealen Ehe und tritt stets als liebender Vater in Erscheinung. Doch seit den Korruptionsvorwürfen ist Urdangarín auf offiziellen Familienfotos nicht mehr zu sehen. "Iñaki Urdangarín hat mehr für die Republik getan als wir in all den Jahren", spottete vor ein paar Monaten Cayo Lara, der Führer der Izquierda Unida (Vereinten Linken).
Natürlich kann kein vernünftiger Mensch eine Verfassungskrise wollen, in einer Zeit, in der Spanien am Rand des wirtschaftlichen Abgrunds steht. Und niemand kann sich die Diskreditierung einer Monarchie wünschen, die - wie es in allen Geschichtsbüchern steht - Spanien vor dem Putsch am 23. Februar 1981 gerettet hat.
Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Kronprinz Felipe. Es liegt an ihm - ebenso wie an anderen Prinzen und Prinzessinnen Europas - die passende Antwort zu geben.
Es bewegt sich etwas in Spanien. Und das ist gut so.
Mitarbeit: Simone Utler
In einem Spanien, in dem jeder vierte Bürger und sogar jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist, ist ein Foto, auf dem das Staatsoberhaupt des Landes mit einer Waffe in der Hand vor einem toten Elefanten posiert, keine Kleinigkeit. Das Bild, das im Zusammenhang mit der aktuellen Elefantenjagd veröffentlicht wurde, stammt aus dem Jahr 2005. Das heißt, Juan Carlos ist jetzt zum wiederholten Mal dort. Der Ehrenpräsident des WWF in Spanien hat Spaß am Töten von Tieren, sagen viele normale Bürger, die weder Royalisten noch Republikaner sind, aber die Leidenschaft für die Jagd nicht nachvollziehen können.
Die Jagd auf den König ist eröffnet. Die spanischen Medien haben ihre seit Jahrzehnten bestehende Beißhemmung gegenüber der Monarchie abgelegt. Die vielzitierte "enorme Popularität" des Souveräns, der von seinen Untertanen geliebt und geachtet wird, ist bis heute eine Art Staatsparole. Dieser Slogan hat erreicht, was nur wenigen Waren mit dem Siegel "Made in Spain" jemals gelungen ist: Er wurde erfolgreich ins Ausland exportiert. Und sogar in dem Maße, dass die gesamte Welt - inklusive Deutschland - die Parole vom populären Monarchen kritiklos übernommen hat.
Doch nun ist die Jagd auf den Unantastbaren eröffnet, daran ändert auch die Entschuldigung des Monarchen nichts. Der hatte sich vor TV-Kameras geäußert - auf Krücken, beim Verlassen der Klinik, wo er wegen eines Hüftbruchs, den er sich in Botswana zugezogen hatte, behandelt wurde: "Lo siento mucho, me he equivocado y no volverá a ocurrir." Zu deutsch: "Es tut mir sehr leid, ich habe einen Fehler gemacht, und es wird nicht wieder vorkommen."
Sogar Hofchronisten verbreiten schon Geheimnisse
Eine historische Erklärung, interpretieren einige. Nicht ausreichend, sagen andere. Der König habe nicht klargestellt, was genau er künftig nicht mehr zu tun gedenke. Elefanten jagen? Spanien verlassen, während Regierungspräsident Mariano Rajoy und seine Minister gegen den Druck der Märkte ankämpfen? Oder wird er sich ganz einfach keine weitere Reise mit einer Adeligen gönnen, die der monarchietreue Journalist José Antonio Zarzalejos, der ehemalige Chef der Tageszeitung "ABC", als Mätresse des Königs identifiziert haben will. Die Dame bestreitet die Affäre jedoch und hat eine Anwaltskanzlei eingeschaltet.
Wie wird sich die Situation in Spanien entwickeln, wenn nun schon die anerkannten Hofchronisten die Geheimnisse des Palastes - zwar laute und auffällige Geheimnisse, aber eben doch Geheimnisse - verbreiten? Das fragen sich viele Vollblut-Republikaner.
Spanien kam durch zwei Referenden 1976 und 1978 von Francos Diktatur zur parlamentarischen Monarchie. Dabei entschied das souveräne Volk nicht explizit über die Frage der Monarchie, sondern stimmte einem kompletten Verfassungspaket zu. Entweder konnte die Verfassung in Gänze akzeptiert oder abgelehnt werden. Und die Spanier haben sie angenommen. Seitdem ist Spanien geteilt, in die Menschen, denen die Zustimmung zu dem Paket als Legitimation für die Monarchie ausreicht, und in diejenigen, die ein neues Referendum fordern.
Spanier zeigen schon länger Anzeichen von Unmut
Tatsächlich begann die Festung der Monarchie aber schon zu bröckeln, bevor sich Juan Carlos in Botswana seine Hüfte brach und das kompromittierende Foto von 2005 in Umlauf kam. Die Spanier zeigten erste Anzeichen von Unmut, als der bis dahin als Vorzeigeschwiegersohn geltende Urdangarín unter Korruptionsverdacht geriet. Der ehemalige Handballstar - blond, groß, modern - lebt mit der Infantin Cristina, der jüngeren Tochter des Monarchen, den Prototyp der idealen Ehe und tritt stets als liebender Vater in Erscheinung. Doch seit den Korruptionsvorwürfen ist Urdangarín auf offiziellen Familienfotos nicht mehr zu sehen. "Iñaki Urdangarín hat mehr für die Republik getan als wir in all den Jahren", spottete vor ein paar Monaten Cayo Lara, der Führer der Izquierda Unida (Vereinten Linken).
Natürlich kann kein vernünftiger Mensch eine Verfassungskrise wollen, in einer Zeit, in der Spanien am Rand des wirtschaftlichen Abgrunds steht. Und niemand kann sich die Diskreditierung einer Monarchie wünschen, die - wie es in allen Geschichtsbüchern steht - Spanien vor dem Putsch am 23. Februar 1981 gerettet hat.
Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Kronprinz Felipe. Es liegt an ihm - ebenso wie an anderen Prinzen und Prinzessinnen Europas - die passende Antwort zu geben.
Es bewegt sich etwas in Spanien. Und das ist gut so.
Mitarbeit: Simone Utler